Zur Geschichte der Koi

Erste Berichte über farbige Karpfen sind aus der Zeit um 1000 n. Chr. überliefert. Gegen Ende des 19. Jh. wurden aus diesen farbigen Urkarpfen in Japan die ersten Farbvarianten (namentlich der Kohaku = rote Muster auf weißem Grund) herausgezüchtet. Im Verlauf des 20. Jh. kamen viele weitere Zuchtvarianten der Koi hinzu. Doch erst seit den 60er Jahren hat der Koi seinen Siegeszug um die Welt angetreten.


Geschichten und Geschichtliches vom Nishikigoi

Der heute geläufige Name ist Koi - die Kurzform von Nishikigoi. Zu Beginn der japanischen Koizucht gab es für den "bunten Karpfen" allerdings eine ganze Reihe anderer Bezeichnungen: Moyogoi, Karpfen mit Zeichnung, Moyomono, was so viel wie "etwas mit Zeichnung" heißt oder auch Kawarigoi, der seltsame Karpfen, waren seine Namen vom Beginn der Meiji-Ära (1868) bis etwa 1919. Kawarigoi wurde er vermutlich deshalb genannt, weil er sich auf so "seltsame" Weise von seinen Urvätern unterschied. Aber auch der Name Irogoi, bunter Karpfen, taucht in geschichtlichen Überlieferungen immer wieder auf.
1919 soll schließlich Kiyoshi Abe die Pracht eines von Eizaburo Hoshino gezüchteten Taisho Sanshoku mit dem Namen Nishikigoi zum Ausdruck gebracht haben. Nishiki ist der japanische Begriff für Brokat, das kostbare, mit Gold- und Silberfäden durchwirkte Seidengewebe. Seit dieser Zeit ist Nishikigoi der anerkannte Name dieser wohl kostbarsten ornamentalen Fische. In der Umgangssprache aber wird aus dem Nishikigoi meist kurz und bündig Koi. Koi heißt Karpfen.

Bezüglich der geschichtlichen Entwicklung von Nishikigoi gibt es nur eine Reihe unterschiedlicher Darstellungen und viele Mutmaßungen. Genaue Aufzeichnungen oder absolut abgesicherte Berichte darüber gibt es nicht. In zwei Punkten sind sich aber die meisten Autoren einig: Die Geburtsstätte des Nishikigoi liegt in der japanischen Präfektur Niigata, die damals Echigo hieß und die ersten japanischen Nishikigoi erschienen zwischen 1804-1829, in der friedlichen Epoche, in der das Land vom 11ten Shogun von Tokugawa regiert wurde.
Auch zur Abstammung des Koi gibt es keine gesicherten Berichte. Einige Koizüchter meinen, der Urahne des Koi sei der Asagi, eine farbliche Mutation des japanischen schwarzen Wildkarpfens, den ein Fischer aus dem Fluss gefischt haben soll. Beim Versuch, sein seitlich platziertes Rot auf den Rücken zu züchten, sollen sich der Kohaku - und daraus Schritt für Schritt die ganze Vielzahl der anderen, heute bekannten Varietäten entwickelt haben.
Eine andere Version besagt, dass zwischen 1804 und 1829 ein kleines Wunder geschah: inmitten von Nachkommen des schwarzen Wildkarpfens, genannt Magoi, soll ein kleiner Koi mit auffallend roten Kiemendeckeln entdeckt worden sein. Man gab ihm den Namen Hookazuki, rote Wange!
Weitere Zuchtversuche sollen der Überlieferung zufolge schnell erstaunliche Ergebnisse hervorgebracht haben. Schon nach wenigen Generationen hatte man weiße Koi und weiße Koi mit roter Zeichnung. Die weißen nannte man damals wie heute: Shiro Muji. Die Weißen mit roter Zeichnung dürften die Vorläufer des heutigen Kohaku gewesen sein.
Da diese weißen Koi mit roter Zeichnung schon damals die Züchter ganz besonders faszinierten, wurde der züchterischen Verbesserung dieser Koi ganz besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Hara-aka, weiße Koi mit rotem Bauch, waren das Ergebnis weiterer Züchtungen mit dem roten Hi-goi. Hoo-aka und Era-aka war schließlich der Name weißer Koi mit roten Kiemendeckeln.
Und der Reiz, etwas Einzigartiges, völlig Neues zu schaffen, motivierte mehr und mehr Reisbauern zur Zucht dieser auffallenden Karpfen.

Zwischen 1830 und 1845 entstanden weitere Zeichnungsvarianten. Namentlich waren dies Zinkaburi, Menkaburi, Sarasa und Kuchibeni, wobei die Menkaburi und Kuchibeni bis heute von Bedeutung sind, wenn es um die Beschreibung bestimmter Zeichnungen geht.
1845 kamen die ersten Koi nach Yamakoshi-village, einer armen und einsamen Region, die fünf Städte umfasst: Takezawa, Higashiyama, Oota, Higashi-Takezawa und Tanesuhara.
Die Gegend dort ist karg und verlangt den Menschen viel ab. Zwar wurde damals schon Reis angebaut, aber dieser Reisanbau reichte bei weitem nicht aus, um ein gewisses Wohlstandsniveau zu erreichen. Die Menschen suchten nach zusätzlichen Erwerbsmöglichkeiten und fanden sie zum einen in der Zucht von Seidenraupen und zum anderen in der Zucht der damals noch befremdlichen bunten Karpfen. Die Voraussetzungen für die Karpfenzucht waren ausgezeichnet. Durch die von nur wenigen hohen Bergen geprägten kargen Landschaft fließt der Shinano, der für die Fischzucht kostbares Wasser liefert. Hinzu kommen stark tonhaltige Böden, die viele Mineralstoffe enthalten. Heute weiß man, dass für die farbliche Entwicklung der Koi mineralstoffhaltige Böden unverzichtbar sind.
So versuchte damals die nur 30 km südlich von Yamakoshi-village gelegene Stadt Ueda-village ebenfalls ihr Glück in der Koizucht. Doch sollte es bei weitem nicht mit dem Erfolg gelingen wie in der Nachbargemeinde. Die Böden dort sind kieshaltig und verhalfen einzig dem Asagi zur optimalen Entwicklung seiner Farben.
In Yamakoshi-village traf der Koi direkt die Herzen der Bevölkerung und immer mehr Bauern begannen mit dessen Zucht. Es heißt, dass sich im Jahr 1947 von 2.500 Haushalten 1.700 mit der Zucht von Koi beschäftigten. Sicherlich nicht alle hauptberuflich, aber immerhin. Fährt man heute durch diese Gegend, so kommt man an fast keinem Haus vorüber, an der nicht ein Netz zum Trocknen aufgestellt ist, oder anderes Fischzuchtzubehör lagert. Doch ist die Zahl der Koizüchter heute deutlich geringer als damals. Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts arbeiteten angeblich 6000 Koizüchter in der Präfektur Niigata. Heute sind es noch ein paar hundert.
Zurück zur Geschichte. Zu Beginn der Meiji Ära (1868-1912) interessierten sich die ersten Liebhaber für Koi und 1888 wurde der erste Käufer eines Koi namentlich erwähnt: Herr Gosuke aus Utogi. Auf einer Auktion ersteigerte er einen weiblichen Kohaku mit rotem Kopf und dem Namen Hachibi. Hachibi wurde von Gosuke mit einem Kohaku gekreuzt, der eine besonders schöne Kirschblütenzeichnung besaß. Dieser Kohaku hieß Sakurakana, abgeleitet vom japanischen Wort Sakura, dem Begriff für Kirschblüte.
Mit dieser Kreuzung setzte sich Gosuke ein Denkmal, denn die Nachkommen dieser Zucht gelten als die Stammväter des Kohaku. In der heutigen Koihauptstadt Ojiya wurde sogar ein Kaufhaus zu Ehren von Gosuke auf dessen Name getauft. Hiroi, Besitzer dieses Kaufhauses war ebenfalls Koizüchter. Weitere wichtige Züchter aus dieser Zeit sind Assazo Takano und Tarokichi Hoshino, zwei Namen, die die damalige Koizucht nachhaltig prägten.
Mit dem Interesse für den Koi wuchs in der Bevölkerung auch das Interesse für den Koihandel und für die Chance auf ein gutes Geschäft. Der Handel in Yamakoshi-village begann nicht nur zu blühen, er trieb seltsame Blüten. Irgendwann sollen die Preise so fern von gut und böse gewesen sein, dass der Handel mit Koi in dieser Region für kurze Zeit verboten wurde. Aber auch solche Auswüchse verhinderten nicht den zukünftigen weltweiten Siegeszug des Koi, der zu dieser Zeit noch nicht einmal in ganz Japan populär war.
In den Jahren 1904-1905 erlebte der Koi zunächst einen Rückschlag. Japan führte Krieg gegen Russland und Unsummen wurden in die militärische Schlagkraft investiert. Geld, das auch auf dem Koimarkt fehlte.
So warteten die Koizüchter von Yamakoshi-village sehnsüchtig auf eine Gelegenheit, den Koiverkauf wieder anzukurbeln und den Koi über die Präfekturgrenzen hinaus bekannt zu machen. Und diese Gelegenheit sollte sich 1915 bieten: in Tokio fand die Taisho Ausstellung statt. Diese Ausstellung sollte das entscheidende Ereignis für den Nishikigoi werden und ein neues und glorreiches Zeitalter einläuten!


Die Taisho Ausstellung 1915 in Tokio

So professionell und spektakulär wie nur möglich wollte man sich auf die Taisho Ausstellung in Tokio vorbereiten. Kurzerhand gründete der Bürgermeister von Higashiyama, Hikosaburo Hirasawa, die "Koi Fish Exhibition Association". 60 Mitglieder schrieben sich ein, die das Projekt mit Rat und Tat unterstützen. Gemeinsam wählte man die 23 schönsten Koi aus, die meisten davon waren so genannte Sarasa, die heutigen Kohaku. Von ihrer Schönheit hing alles ab. Diese Koi sollten Besucher begeistern, neue Interessenten gewinnen und die Koizucht wieder in Schwung bringen.
Zunächst stellte sich nur das Problem des Transports: nie zuvor waren Koi über eine solche Entfernung transportiert worden. Dazu kam, dass die damaligen technischen Möglichkeiten ausgesprochen begrenzt waren. Letzten Endes einigte man sich auf wasserdichte Holzwannen, in denen die Koi die zwei Tage andauernde Zugfahrt überstehen sollten. Drei Mitglieder des Vereins begleiteten diesen Transport und waren mit der Aufgabe betraut, von Zeit zu Zeit die Wannen zu öffnen, Wasser zu wechseln und dem Wasser Sauerstoff zuzuführen.
Als Bürgermeister Hikosaburo Hirasawa einige Tage vor den Koi in Tokio ankam, suchte er vergeblich nach den bestellten Ausstellungsbecken. Nicht große Karpfen, nein, kleine Goldfische hatten die Verantwortlichen der Ausstellung erwartet - und dementsprechend klein waren die Becken! Sofort telegrafierte der verzweifelte Hikosaburo Hirasawa nach Hause, um den Transport der Koi zu stoppen. Zu spät, die Koi waren schon auf dem Weg. Als sie schließlich Tokio erreichten, war ihnen die Strapazen der Reise anzusehen und stündlich verschlechterte sich ihre Kondition. Schließlich und endlich half Kochigoro Akiyama, Präsident eines Goldfischvereins, aus der Not: Er stellte einen seiner Teiche als Zwischenquartier für die Koi zur Verfügung.
Als schließlich die neuen Ausstellungsbecken angeliefert wurden, erwiesen sie sich immer noch als deutlich zu klein. Doch zeigte sich dies als der entscheidende Vorteil: man mietete Kochigoro Akayamas Teich über die Dauer der Ausstellung und wechselte immer die konditionell schwachen Koi der Ausstellung gegen erholte aus dem Teich. Ohne diese glückliche Panne wäre die Ausstellung für die Koi wahrscheinlich nach nur Kurzer Dauer beendet gewesen.
Nach Eröffnung der Ausstellung wurden die Koi aus Yamakoshi-village zur Attraktion im Fischpavillon. Der wichtigste Besucher sollte aber erst an einem Tag im Mai kommen: Kronprinz Hirohito, der spätere Japanische Kaiser und fachkundige Ichthyologe!
An Dutzenden von Ausstellern war der zukünftige Kaiser gelangweilt vorüber gegangen - bei den Koi stoppte er plötzlich. Über eine Stunde lang soll sich seine Hoheit an den majestätischen Koi und ihren eleganten Schwimmbewegungen erfreut haben. Angeblich ignorierte er die Aufforderungen seiner Begleiter, sich doch auch andere Attraktionen der Ausstellung anzusehen! Stolz und zufrieden offerierte Hikosaburo Hirasawa noch am selben Tag dem Kaiserpalast 8 der prächtigen Koi.
Eigentlich wäre der Aufenthalt der Koi in Tokio bereits vor Messeschluss zu Ende gewesen. Doch Hikosaburo Hirasawa telegrafierte nach Hause und bat um mehr Geld für einen längeren Aufenthalt, was aufgrund des durchschlagenden Erfolges selbstverständlich genehmigt wurde. Und nach vier Monaten, am Ende der Ausstellung war der Triumph perfekt: Die Koi aus Yamakoshi-village gewannen die "Second Class Silver Medal", den Toppreis für Fischereiprodukte.
So verzieh man Hikosaburo Hirasawa in der Heimat die verschenkten Koi und die Vernachlässigung seines Amtes als Bürgermeister während der Dauer der Ausstellung.
Im Jahr danach begann man mit dem Export von Nishikigoi über die Präfekturgrenzen von Niigata hinaus. In den Städten Hiroshima, Kyoto und Osaka etablierten sich die ersten Koihändler, obwohl dies zu dieser Zeit nicht einfach war. Vergnügungen jeglicher Art waren praktisch verboten. Die Bürger sollten arbeiten und den wirtschaftlichen Aufschwung Japans herbeiführen. Doch der Koi überstand dies in "Secret Ponds", in Geheimteichen, aus denen unter der Hand die neu entdeckte Leidenschaft gehandelt wurde.
Die letzte Hürde musste der Koi während des Zweiten Weltkrieges bewältigen. Die Not und das Elend, das dieser Krieg mit sich brachte, zwang viele Züchter dazu, ihre Koi aus Mangel an Futter praktisch verhungern zu lassen.
Doch nach 1946 wurde die Japanische Regierung liberaler und der Koi durfte wie jedes andere Wirtschaftsgut gehandelt werden. Von da an war der Siegeszug des Nishikigoi nicht mehr zu stoppen und mit der Entwicklung neuer Transportmöglichkeiten eröffnete sich dem Koi die ganze Welt.
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